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  FOTOGESCHICHTE  
Fotogeschichte :: Seite 2



In den 20er Jahren setzte sich eine neue Sichtweise immer stärker durch. Die „Straight Photography“ ging von Amerika aus und bemühte sich um den Ausdruck der Beziehung zwischen Objekt und Subjekt. In einer klaren Bildsprache wurden der Bildausschnitt, die Rolle des Lichts und die Ausdruckskraft des Gegenstandes betont. Das Interesse an formalen Fragestellungen wurde größer als an sozialen. Edward Weston prägte einen rein amerikanischen Stil des Fotografieren, mit einem Sinn für Strukturen und Abstraktionen. Die Fotografen-Vereinigung „f/64“ (Blende 64) war für lange Zeit die progressivste Gruppierung. In Europa war unter dem Einfluss des Ersten Weltkrieges parallel dazu die Richtung einer sachlich-realistischen Fotografie entstanden. Ihr Hauptvertreter Albert Renger-Patzsch gehörte zur künstlerischen Gruppe des „Werkbundes“ und leitete das Bildarchiv der Folkwang-Schule in Essen. Er widmete sich vor allem den Landschafts- und Indstrieaufnahmen.

Insgesamt bildete sich in diesem wild bewegten, widersprüchlichen Jahrzehnt kein einheitlicher oder dominierender Stil heraus. Die wachsende Popularität des neuen Mediums Kino und der Starkult brachten die Glamour- und Modefotografie zur Blüte. Sie waren Experimentierfelder, um künstlerische und kommerzielle Aspekte zu vereinen. Die Einbeziehung des Art Déco und des Surrealismus machte sie zu künstlerisch provokativen Inszenierungen. Die Avantgarde mit ihren verschiedenen Richtungen wie Kubismus und Dadaismus regte immer wieder auch die Fotografie an. Der Ungar L. Moholy-Nagy leistete einen wesentlichen Beitrag zur Verflechtung moderner Kunstformen. Collagen mit plastischen Materialien und mit Texten entstanden. Manche experimentierten mit ungewöhnlichen Negativ-Positiv-Verarbeitungen, z.B. durch Solarisation, Verwendung spezieller Objektive und Filter.

Das Auge und der ApparatIm revolutionären Russland unterwarf sich die Avantgarde strengeren Maximen. Ihr Ziel war es, mit revolutionären Mitteln am Aufbau der neuen Gesellschaft mitzuwirken. Schlüsselfigur war Alexander Rodtschenko, der mit seinem Konstruktivismus extreme Perspektiven auf die Realität entwarf. In Deutschland beeinflusste das in Dessau geschaffene Bauhaus und seine künstlerische Bewegung, die zum Inbegriff der Moderne und des Funktionalismus werden sollte, teilweise auch die Fotografie. Dabei entstand aber kein spezieller und originärer Stil, doch eine bestimmte Bildsprache. Es war die bewusste Verwertung von Hell und Dunkel, der Umkehrung von Positiv und Negativ sowie ungewohnten Sichten.

Die Entstehung eines modernen Fotojournalismus wurde durch die Entwicklung handlicher Kameramodelle gefördert. O. Barnack brachte  1924 die Leica auf den Markt. Sie verfügte über leicht auswechselbare Objektive und bot durch die Verwendung eines Kleinbild-Rollfilmes ein hohes Maß an Flexibilität in der Handhabung. Andere Kameras verfügten über lichtstarke Objektive, bisher unbekannte Brennweiten und Schlitzverschlüsse, die Belichtungszeiten von bis zu 1/1000 Sekunden zuließen. Erich Salomon setzte mit seiner Leica im Fotojournalismus neue Akzente. Das Vertrauen prominenter Staatsmänner ermöglichte ihm, durch seine Bildreportagen dramatische Einsichten in das politische Geschehen zu vermitteln. In Deutschland gab es damals die größte Zahl von illustrierten Zeitungen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 emigrierten viele Bildjournalisten nach England und in die USA.

Mit dem Beginn der 30er Jahre wurde die Alltagsrealität als Motiv wiederentdeckt. Ein neues Lebensgefühl förderte die Livefotografie. In Paris erregte G. Brassai Aufsehen mit seinen Milieustudien und Reportagen von Vergnügungsorten. Der Emigrant Robert Capa war der große Abenteurer. Als politisch engagierter Fotograf dokumentierte er das Grauen des Spanischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges. Die Entwicklung eines geräuschlosen Blitzgerätes ohne Rauch förderte in den USA die Livefotografie, die sich zum Ziel setzte, aus der Dynamik des Lebens die interessanten Momente herauszufiltern. A. Weegee wurde als Boulevardblattgenie bekannt, der schockierende und direkte Aufnahmen produzierte. Die Modefotografie der Haute Couture entwickelte Inszenierungen von Schönheit und Luxus, die von den neuen Gesellschaftsmagazinen und Hochglanz-Illustrierten einem Massenpublikum vermittelt wurden.

Technische Fortschritte wurden in den 30er  Jahren bei der Farbfotografie erzielt. Kodak und Agfa brachten neue Mehrschichtenfilme mit chromogener Entwicklung auf den Markt, die von der großen Zahl von Amateuren mit Begeisterung aufgenommen wurden. Eine zweite Revolution erreichte der Amerikaner E. Land mit der Idee, die Dunkelkammer quasi in den Film hineinzulegen. 1943 entwickelte er den Polaroidfilm, der seit 1948 auf den Markt kam. Dieser Film enthält Negativmaterial, Positivpapier und Entwickler. Damit konnte das belichtete Bild, nachdem es aus der Kamera gezogen wurde, sofort betrachtet werden.

Der Zweite Weltkrieg mit seiner Kriegsberichterstattung und dem gesteigerten Bedürfnis der Menschen, aufregende Lebensphasen mit Erinnerungsfotos zu dokumentieren, förderte den Boom der Fotografie. Professionelle Fotografen entwickelten verschiedene Stilarten. In den totalitären Staaten überwog das propagandistische Interesse an heroischenDarstellungen. Bildberichterstatter der westlichen Alliierten nutzten ihren größeren Spielraum, um den Krieg in dramatischen und aussagekräftigen Bildern festzuhalten. Die großen Armeen hatten Kleine Geschichte der Fotografieeigene Propaganda-Kompanien. Bei den amerikanischen Armeefotografen profilierte sich R. Capas mit seinen Bildern, die von der Invasion 1944 bis zum Einmarsch in Deutschland reichten. Obwohl er sich an der Front mit der Mentalität eines Soldaten bewegte, interessierte ihn – auch später im Indochina-Krieg – auch das Antlitz der leidenden Zivilbevölkerung. Besonders die Amerikanerin Lee Miller versuchte als Kriegsberichterstatterin, die Ereignisse nicht zu stilisieren oder zu beschönigen, ob an der Front oder in den Lazaretten. Als eine der ersten konnte sie Aufnahmen im befreiten Konzentrationslager Dachau machen, die die amerikanische Öffentlichkeit schockierten.

Bald nach der Überwindung der schlimmsten materiellen Not in der Nachkriegszeit entwickelte sich ein Hunger nach Kommunikation und ein neues Interesse am Menschen. Die Einführung des Tiefdruckverfahrens in den 50er Jahren steigerte die Nachfrage an Fotos enorm. Die Arbeitsmethoden der Fotografen änderte sich kaum. Doch setzte einerseits eine stärkere Spezialisierung auf bestimmte Themen ein, und andererseits wandelte sich die Einstellung gegenüber dem Gegenstand. Die einflussreiche Bildagentur „Magnum“ veränderte die Livefotografie so, dass nicht mehr der sensationelle Effekt im Vordergrund stand, sondern eine persönliche Intention, die humanistische Dimensionen eröffnete. W. E. Smith etwa war Reporter für das Magazin „LIFE“ mit Leidenschaft und moralischem Anspruch. Den humanistischen Stil der Livefotografie verkörperte auch die von E. Streichen angeregte Ausstellung, die 1955 mit sensationellem Erfolg im Museum of Modern Art eröffnet wurde: „The Family of Man“. Sie vermittelte das Ideal einer großen friedliebenden Völkergemeinschaft und demonstrierte die weltumspannende Rolle der Fotografie.
Um die Jahrhundertwende belebte sich der Streit um die Kunstfotografie erneut. Die einen plädierten wie der Brite P. H. Emerson für die Unschärfe als Stilmittel, andere suchten sich vom Atelier zu lösen und bemühten sich um Themen wie das Privatleben, die Natur und das Porträt. Durch besondere Verfahren beim Abzug, etwa dem Gummi- und dem Kombinationsdruck, wurden reiche Nuancen der Oberflächenwirkung erzielt. In den USA waren A. Stieglitz und E. Streichen führende Vertreter der Kunstfotografie, die sich als Künstler und Ästheten verstanden. Daneben profilierte sich auch eine Richtung, die versuchte, die Welt hinter den Dingen zu erfassen. Mit realistischen Aufnahmen wurden moralische Anklagen verbunden. Ein bedeutsamer Repräsentant der Sozialreportage in Deutschland war Heinrich Zille, der das Berliner Mietskasernen-Milieu einfühlsam zu dokumentieren verstand. Wachsendes Interesse galt auch der Dokumentation traditioneller Lebensweisen. In den USA wurde E. S. Curtis für sein Monumentalwerk über die Tradition der Indianer bekannt, in Frankreich Eugène Atget für seine Sammlung von Aufnahmen des alten Paris.


 

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