Geschichte der Fotografie
Sich ein Abbild von der Realität zu schaffen, gehört wohl zu tiefsten Bedürfnissen des Menschen. Die Höhlenbilder der Steinzeit geben davon ebenso Zeugnis wie die Bilder des künstlerischen Schaffens der letzten viertausend Jahre. Dem Streben nach gänzlich realistischen Abbildungen standen bis vor etwa 150 Jahren die technischen Möglichkeiten entgegen. Wirkliche Spiegelbilder des Lebens zu schaffen, möglichst mit selbsttätig funktionierenden Mitteln, wurde seit dem ausgehenden Mittelalter das Ziel vieler Forscher und Wissenschaftler. Schon Leonardo da Vinci kannte die Camera obscura. Dabei handelte es sich damals noch um eine Kammer, später wurde daraus eine Lochkamera. Sie beruhte auf der Erkenntnis, dass in einem völlig abgedunkelten Raum ein Lichtstrahl, der von außen durch ein Loch eindringt, auf der gegenüberliegenden Wand ein deutliches Bild von der Außenwelt zeigt. Mit der Entwicklung der Erkenntnisse zur Optik und Mechanik wurden bis zum 18. Jahrhundert wichtige Voraussetzungen für ein neues Bildmedium geschaffen. Optische Linsen ermöglichten die Laterna magica. Ähnlich wie beim späteren Diaprojektor wurden mit ihr transparente Bilder durchleuchtet und auf eine Fläche projiziert. Das aufblühende Bürgertum mit seinen rasant wachsenden Kommunikationsbedürfnissen verlangte nach immer neuen Zeichnungen und Illustrationen, insbesondere nach Porträts. Diese konnten mit Hilfe der Camera lucida auch ohne zeichnerisches Talent als Schattenriß hergestellt werden. Optische Hilfsmittel ermöglichten auch populäre Kunstunterhaltungen. L. J. M. Daguerre, später als Erfinder der Fotografie gefeiert, baute 1822 das erste Diorama in Paris. Raffinierte Beleuchtungsmethoden und bemalte Leinwände suggerierten dem Besucher den Eindruck, sich inmitten von Landschaften, ziehenden Nebelschwaden und Wolken zu befinden.
Forscher entdeckten die Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen. Nun fehlte noch eine Möglichkeit, diese Schwärzungen zu fixieren. Viele Erfinder experimentierten Anfang des 19. Jahrhunderts mit verschiedenen Verfahren. Dem Franzosen J. N. Niépce gelang 1827 unter Verwendung einer Zinnplatte die erste Abbildung, die man als Foto bezeichnen könnte. Seine Partnerschaft mit dem erfolgreichen Daguerre führte zur Weiterentwicklung der Technik. 1837 war ein praktisches Verfahren entstanden. Als die französische Akademie der Wissenschaften 1839 die Erfindung ankaufte, um sie der ganzen Welt zu „schenken“, war die Sensation perfekt. Die Nutzung der Apparate zur Daguereotypie war noch außerordentlich umständlich und schwierig.
Ein wichtige Entdeckung machte zu dieser Zeit der britische Privatgelehrte William Henry Fox Talbot. Er experimentierte mit Abbildungen auf Papier und mit dem bahnbrechenden Negativ-Positiv-Prinzip. Obwohl ihm im Wettlauf mit Daguerre die öffentliche Anerkennung versagt blieb, ebnete er den Weg zum Massenmedium. Das Fotografieren mit Blitzlicht sowie seine tragbare Reisekamera gehörten zu seinen Erfindungen, ebenso die Vervielfältigung von Bildern im Buch- und Zeitungsdruck. Die starke Resonanz und Nachfrage sorgten allmählich für Verbesserungen, die der Fotografie zum Massengebrauch verhalfen. Dazu trug vor allem die Entwicklung spezieller Fotolinsen bei, wie sie der Wiener Physiker Josef Petzval erstmals anfertigte.
Ein wichtiger Durchbruch wurde mit der Einführung des Nassen Kollodiumverfahrens 1850/51 durch den Briten F. S. Archer erzielt. Dabei wurde eine noch nicht trockene jodhaltige Kollodiumschicht, aufgebracht auf einer Glasplatte, mit einer Silbernitratlösung sensibilisiert, sofort belichtet und entwickelt. Zwar war ein enormer Aufwand nötig und bei Aussenaufnahmen musste immer eine tragbare Dunkelkammerausrüstung mitgeführt werden; aber die wesentlich höhere Lichtempfindlichkeit lohnte die Mühe. Es konnten nun erstmals Momentaufnahmen gemacht werden. Um tonwertige Bilder zu erhalten, verband man bald das Kollodium-Negativ mit einem Albuminpapier-Positiv. Die Beschichtung von Papier mit frischem Hühnereiweiß, unter Zusatz von Salzen und mit Silbernitrat lichtempfindlich gemacht bestimmte bis zur Jahrhundertwende die Technik. Auch die Kameratechnik machte große Fortschritte. Ein von A. H. Steinheil in München entwickeltes Objektiv beseitigte die Unschärfen an den Ecken der Fotografie. Bereits 1838 hatte C. Wheatstone die Stereofotografie erfunden. Seit den 1850er Jahren erlebte diese Form einen enormen Aufschwung.
Der Euphorie vieler begegneten nun auch manche kritischen Zeitgenossen. Die Fotografie machte viele Künstler arbeitslos und bot sich selbst für künstlerische Ambitionen an. Porträts, Gruppen- und Landschaftsbilder fanden immer mehr Liebhaber, ebenso Reisebilder aus exotischen Ländern und Architekturaufnahmen. Aktstudien und Reportageserien kamen hinzu. In Paris bildete nach 1860 das Fotostudio von G.-F. Tournachon, genannt Nadar, einen Mittelpunkt der künstlerischen Elite. Er nutzte als erster Fotograf konsequent die Möglichkeiten des neuen Mediums für seine berufliche Laufbahn. Zu seinen Pionierleistungen zählte die Erschließung neuer Bildthemen wie in den unterirdischen Katakomben und Luftaufnahmen von Fesselballons. Bereitete Nadar den Markt der Fotografie als Massenprodukt auf, gründete A. A. Disdéri eine förmliche Porträtindustrie. Durch die Verkleinerung der Bildformate sorgte er für eine ungeheure Popularität der neuen Visitkartenbilder. Als auch die europäischen Königshäuser davon Gebrauch machten, wurden Hoffotografen zu Millionären.
Ein anderer kommerzieller Zweig entstand seit 1850 durch die Aktfotografie, zunächst für den Künstlergebrauch, weil es billiger war, nach solchen Fotos zu malen, dann natürlich auch für den erotischen Voyeurismus bürgerlicher Kreise. Moral- und Gesetzeshütern gelang es nicht, solche Bedürfnisse völlig zu unterdrücken. Einige Fotografen erkannten auch die Chance, der Malerei ernsthafte Konkurrenz zu machen. Begeisterung erregten die Marinebilder von Gustave Le Gray, die eine damals erstaunliche Dramatik des Wolkenhimmels zeigten. Der Schwede Oscar G. Rejlander komponierte Kunstfotos aus zahlreichen Einzelnegativen. Suchten also manche ihre fotografische Ästhetik der Malerei anzugleichen, wollten andere Fotografen die neue Technik nutzen, um die Wirklichkeit immer umfassender abzubilden. Sie belieferten das Publikum mit bisher nicht gesehenen Aufnahmen von Ländern und Ereignissen. Fotografie wurde ein Zweig der Berichterstattung. Erster offizieller Kriegsberichter wurde J. Robertson im Krimkrieg 1857. Die sperrige Technik erzwang anfangs, gestellte Aufnahmen mit Statisten herzustellen. Das Problem schönfärberischer Bildberichterstattung trat zutage. Realistischer und grausamer waren die Aufnahmen, die M. Brady mit zahlreicher Mannschaft im amerikanischen Bürgerkrieg herstellen ließ. Auf manchem Schlachtfeld wurden aber eigens Leichen arrangiert.
Regierungen und politische Gruppen begannen, Dokumentarfotos für ihre Zwecke zu nutzen. Auch der massenhafte Bedarf der Presse musste gedeckt werden. 1881 erfand G. Meisenbach ein Verfahren, Halbtöne für den Auflagendruck zu reproduzieren, die zusammen mit dem Schriftsatz gedruckt werden konnten. Die Bildproduktion wurde damit grenzenlos. Reisefotografie kam in Mode. Ganze Expeditionen in fremde Länder wurden ausgerüstet. Die Berichte fanden großen Anklang. Massenartikel wurden bald auch Souvenirs aus Fotostudios, die in den entlegendsten Winkeln der Welt entstanden. Die Amerikaner entdeckten nach dem Grauen des Bürgerkriegs die Schönheiten ihres Landes, insbesondere des Westens. Timothy H. O’Sullivan gehörte zu den herausragenden Schöpfern der Landschaftsfotografie.
Weitere technische Fortschritte waren erforderlich, um das Fotografieren unkompliziert und billig zu machen, wichtig für die allgemeine Verbreitung. Ein Durchbruch wurde ab 1880 erzielt, als die Kollodiumschichten auf den Fotoplatten durch Gelantineemulsionen ersetzt wurden. Das Trockennegativ machte die Mitnahme von Dunkelkammern vor Ort entbehrlich. 1887 wurde der Rollfilm aus Zelluloid entwickelt, so dass jetzt mehrere Aufnahmen hintereinander gemacht werden konnten. Neuartige gebrauchsfertige Kopierpapiere wurden massenhaft hergestellt.
Parallel zum Fotomaterial verbesserte man die Kameras. Handkameras wurden verfügbar, die Verstellmöglichkeiten erweitert. Das Verschlussobjektiv und die Einführung der Anastigmate, mit der Abbildungsfehler behoben wurden, waren wichtige Fortschritte im optischen Bereich. Der Engländer E. Muybridge experimentierte erfolgreich mit Kameraverschlüssen, die Reihenfotos ermöglichten, die Chronofotografie. Bewegungsstudien entsprachen einem Zeitgeist, der sich dem Tempo und dem Fortschritt der modernen Industriewelt verschrieben hatte. Mit der Idee einer Fotografie für alle gelang dem Amerikaner G. Eastman ein überwältigender Erfolg. Seine „Kodak Nr. 1“ von 1888 war eine leicht zu bedienende Handkamera für den interessierten Laien. Das erste Farbbild war bereits 1861 von J. C. Maxwell geschaffen worden. Pionier der Farbfotografie wurde der französische Pianist L. D. du Hauron. Er entwickelte die Bildwiedergabe auf drei Ebenen. Aber erst 1935/36 setzte sich mit dem Dreischichten-Farbfilm von Agfa und Kodak diese Form allgemein durch.
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